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Hier dürfen Araber Neger* morden II

Stern, Heft 18, 30. April 1967

Krieg zwischen Arabern und Negern* im Sudan. Seit zehn Jahren. Eine halbe Million Neger* wurden bisher getötet. Aber die Welt weiß von diesem Völkermord nichts. Sternreporter Gordian Troeller und Claude Deffarge kehrten jetzt von einer abenteuerlichen Reise durch das entlegene Kriegsgebiet im Südsudan zurück. Sechs Wochen waren sie bei den schwarzen Flüchtlingen und Freiheitskämpfern im Busch.

Bewacht von Freiheitskämpfern, beten schwarze Flüchtlinge in einem südsudanesischen Dorf zu Gott: Schütze uns vor den Arabern.

Handgranaten sind scheußliche Dinger. Konserven des Todes. An einem Ende baumelt ein Ring. Wenn der herausgezogen wird, dauert es nur noch wenige Sekunden – und das Ding explodiert.

Diese Ringe müssen verdammt fest verankert sein. Vor mir marschiert Elias, ein Partisan, der seit dem frühen Morgen seine Handgranate spazieren führt. Sein Zeigefinger steckt im Ring und wirbelt die Todeskonserve herum wie ein Filmcowboy seinen Colt. Mir steht der Schweiß auf der Stirn. Ich habe ja nichts dagegen, hier im sudanesischen Busch Kriegskorrespondent zu spielen und zu beobachten, wie Neger* und Araber sich gegenseitig umbringen. Aber ich verspüre wenig Lust, das Opfer eines verspielten Partisanen zu werden.

In Reisebüchern hatte ich viel über die Gefahren des afrikanischen Busches als gelesen. Da tritt man auf tödliche Schlangen, Panther warten hinter Sträuchern und heimtückische Zauberer verhexen ganze Karawanen. Solch aufregende Dinge haben wir nicht erlebt. Nur ein Affe schmiß mir einmal einen Ast in den Rücken. Der wollte scherzen. – Aber Handgranaten haben keinen Humor.
Jetzt kugelt sie über den Boden. Ein Befehl hat Elias zusammenfahren lassen. Er steht wie versteinert. Wieder ein Ruf.

„Nicht bewegen!“ ruft Elias mir zu. Aus dem Gebüsch treten drei Männer mit Maschinenpistolen. Die Läufe sind auf unsere Brust gerichtet. Obwohl Elias mir erklärt, daß wir es mit den Wachtposten eines Partisanenlagers zu tun haben, ist mir nicht wohl zu Mute. Bis jetzt sind Kinder und Frauen meistens davongelaufen, weil sie uns Weiße für Araber hielten, und ich kann mir lebhaft vorstellen, was passiert, wenn diese jungen Freiheitskämpfer dem gleichen Irrtum unterliegen.

Zum Glück nähert sich jetzt auch das Gros unserer Karawane, und Casimiro, der Chef, kann den Posten erklären, wer wir sind. Trotzdem müssen wir mit erhobenen Händen bis zu einer Strohhüte gehen, wo ein Offizier unsere Ausweise kontrolliert.

So erreichen wir endlich das Hauptquartier der „ Anya nya“. Diese Namen haben die Freiheitskämpfer sich selbst zugelegt. Er bezeichnet ein tödliches Gift. So wollen sie ausdrücken, daß ihr Kampf bis zur Vernichtung des Gegners geführt wird, bis zum Abzug der Araber, die ihre Herrschaft über den Südsudan mit Gewalt aufrechterhalten wollen.

Es ist ein grausamer Krieg. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben die Araber von 1963-1966 mehr als eine halbe Million Neger* getötet. Ebenso viele wurden aus ihren Dörfern vertrieben und irren jetzt als Flüchtlinge durch den Busch, gehetzt von den Regierungstruppen, beschützt von den Anya nya.

Das Hauptquartier, in dem wir heute angekommen sind, ist ein großes Lager. Etwa fünfzig Hütten. Überall wird exerziert. Es wird gefegt und gewaschen. Wenn die Strohhütten aus Zement wären, könnte man sich in einer richtigen Kaserne wähnen. Als Vorbild gilt die englische Armee. Viele Führer der Anya nya dienten einst im „Äquatorial Corps“, einer schwarzen Eliteeinheit des englischen Kolonialheeres.

Mädchen – Marketenderinnen und Köchinnen zugleich – bringen uns warmes Wasser in riesigen Kübeln. Frisch und sauber stellen wir uns dem Chef des Lagers vor. Der Oberst empfängt uns in einer großen Hütte, umgeben von etwa fünfzig Offizieren. Wir sind überrascht, angenehm überrascht. Die Regierung in Khartoum behauptet, die Anya nya seien nur Banditen oder bestenfalls „fanatisierte Wilde“, die mordend durchs Land zögen. Hier aber stehen wir uniformierten Herren gegenüber, die gut Englisch sprechen und ihre Ziele sachlich darlegen.

Zunächst wollen sie die schwarze Bevölkerung gegen den Terror der arabischen Regierungstruppen schützen und den vielen Flüchtlingen die Möglichkeit geben, sich neu anzusiedeln. Auf lange Sicht streben sie die völlige Unabhängigkeit des Südsudans an. Obwohl die Regierung 18.000 Mann (zwei Drittel ihres Heeres) in den Süden geschickt hat und nahezu die Hälfte ihres Haushaltes für diesen Krieg ausgibt, kontrolliert sie nur noch die Städte, befestigte Stellungen und große Verbindungsstraßen. Im Busch herrschen die Rebellen, die Anya nya. Sie verfügen über rund 12.000 Mann. Wenn Sie mehr Waffen hätten, könnten sie doppelt so stark sein

Es ist sicherlich keine ideale Beruhigungstherapie, wenn man einem den ganzen Tag mit Handgranaten, Maschinenpistolen und Gewehren vor der Nase herumfuchtelt. Vor allem, wenn sie geladen sind und dazu noch entsichert. Eine Panzerfaust scheint mir besonders gewogen zu sein. Der Posten vor meiner Hütte hat sich so geschickt damit aufgestellt, daß ich mir jedes Mal den Kopf daran stoße, wenn ich durch den schmalen Ausgang krieche. Die Beule ist bis jetzt meine einzige Kriegsverletzung. Ich bin das Opfer der strengsten aller Guerillaregeln, nie die Waffe aus der Hand zu legen. Hier schläft man sogar damit. Aber warum muß gerade eine Panzerfaust vor meiner Hütte Wache halten, wo doch die arabischen Panzer sechzehn Kilometer entfernt sind und gar nicht hierher kommen können?

„Weil Panzerfäuste schön sind“, meint Casimiro. „Weil wir stolz auf sie sind. Sie haben viel Blut gekostet.“

Hier werden die Waffen nicht mit Geld erworben. Sie werden mit Blut bezahlt. Man muß sie kämpfend erbeuten. Von allen Freiheitskämpfern sind die Anya nya die einzigen, die von keiner fremden Macht unterstützt werden.

Die schwarzen Freiheitskämpfer im Südsudan erhalten keine fremde Hilfe. Von den Bauern werden sie mit Nahrung versorgt. Und ihre Waffen erbeuten sie von den Arabern.

Ein wenig Hilfe erhalten sie von katholischen Organisationen. Geld, Kleidung, Medikamente. Seit die sudanesische Regierung sämtliche Missionare vertrieben und die meisten Kirchen zerstört hat, fürchtet man in katholischen Kreisen eine gewaltsame Islamisierung der schwarzen Bevölkerung. Nahezu alle Führer der Anya nya sind getauft. Am Lagerfeuer müssen wir mit ihnen über die Unsterblichkeit der Seele diskutieren, über das Paradies und die Vor-und Nachteile der christlichen Einehe. Jedes Mal geht es sehr lebhaft zu. Auch Heiden mischen sich ein. Sie wollen wissen, ob es nach diesem Leben ein anderes gibt, und wer von dort zurückkam, um es zu verkünden.

„Wir besiegen den Teufel“

„Ich werde mich nicht taufen lassen“, verkündet heute lautstark ein bärtiger Riese, der sein Gewehr wie ein kleines Kind in den Armen wiegt. „Wenn ich mich taufen ließe und später in den Himmel käme, würde ich keinen meiner Sippe dort antreffen. Heiden ist der Eintritt ins Paradies verboten. Warum nur? Meine Vorfahren konnten doch nicht wissen, daß es einen Erlöser gab. Sind sie deshalb schlechtere Menschen? Nein, nach dem Tode will ich mit den Meinen zusammen sein. Wo auch immer. Selbst wenn es dort ebenso schrecklich ist wie hier auf Erden.“

„Alle guten Menschen kommen in den Himmel“, sagt Casimiro. „Auch Heiden.“

„Und wer entscheidet zwischen Guten und Bösen?“ ruft der bärtige Riese. „Die Weißen natürlich! Die Christen. Sie hüten ihren Himmel ebenso eifersüchtig wie ihren Reichtum. Da dürfen nur ‚gute Neger*‘ mitmachen, Neger*, deren Seele weiß geworden ist und die sich ihrer Vorfahren schämen.“

Wir haben etwas getrunken. Ja, das gibt es auch hier im Busch: selbstgebrautes Bier und Schnaps aus Mais. Der Bauer, der die Getränke aus dem nächsten Dorf gebracht hat, muß aus jedem Kübel ein Glas trinken, um zu beweisen, daß sie nicht vergiftet sind.

Ich fürchte, daß trotzdem berauschende Kräuter darin waren, denn ich höre mich sagen: „Meine Herren, wie Ihr wißt, bin ich ein weit gereister Mann. Ich kenne sogar den Himmel und bin auch durch die Hölle gekommen. Über alle gibt es Schwarze und Weiße, Braune und Gelbe, Menschen aller Religionen. Im Himmel sind alle gleich und leben in Frieden zusammen. In der Hölle aber benehmen sie sich genau wie hier auf Erden. Jeder glaubt besser zu sein als der andere. Im Namen ihres Gottes oder ihrer Rasse bekämpfen sie sich. Nur das Blut, das fließt, hat die gleiche Farbe. Und am Ende der Schlucht liegt der Teufel auf dem Bauch. Er lacht und säuft das Blut, denn nur davon kann er leben – von der Zwietracht der Menschen.“

Es ist still geworden. Nur das Lagerfeuer knistert und ein paar Affen bellen. Der Riese erhebt sich. Hoch über mir glänzt sein ernstes Gesicht. Er ergreift meine Schultern, zieht mich hoch und küßt mich. Casimiro ist näher getreten. Auch er will mein Gesicht mit seinen Lippen berühren. Alle stehen auf. Vierzehn Mann. Protestanten, Katholiken und Heiden küssen mich der Reihe nach so vorsichtig, als sei ich zerbrechlich und das Ganze eine religiöse Handlung. Auch Claude Deffarge wird in das Fest der Brüderlichkeit einbezogen. Die Männer umarmen sie. Thimotée, der einzige Christ seiner Sippe, weint.

Bei den Flüchtlingen im Busch: So wenig sie auch zu essen und zu trinken hatten – die Schwarzen teilten alles mit Claude Deffarge (Bild) und Gordian Troeller.

„Warum dürfen Protestanten und Katholiken sich nicht endgültig versöhnen?“ fragt er zögernd.
„Ja“, ruft Casimiro. „Warum können wir Christen nicht in Frieden die gleichen Kinder des gleichen Gottes sein?“

Diese Frage kommt so überraschend, daß ich mich wieder setzen muß. Ich erkläre, daß meines Wissens das letzte Konzil ausdrücklich eine Annäherung der Konfessionen empfohlen habe.

Das weiß man auch hier im Busch, aber: „Das gilt nicht für Afrika.“

„Woher wollt ihr das wissen?“

„Die italienischen Missionare haben es uns gesagt. Obwohl sie nach Uganda fliehen mußten, sind sie immer noch unsere Seelsorger und politischen Berater. In Afrika geht der Kampf um die Seelen weiter, behaupten sie.“

Es ist zum Heulen. Hier kämpfen Christen und Heiden gemeinsam für die Freiheit des Glaubens. Aber diese Männer, die im Kampf zu Brüdern wurden, müssen zusehen, wie auf höherer Ebene die Rivalität zwischen Katholiken und Protestanten ihre Einheit gefährdet. Von den etwa hunderttausend christlichen Seelen des Südsudans besitzen die Katholiken den Löwenanteil und wollen ihn behalten. Das hat natürlich politische Folgen: Nach dem Motto „Geld ist Macht“ verlangen weiße Missionare und schwarze Priester – als Gegenleistung für ihre spärliche materielle Unterstützung – die politische und militärische Führung für die Katholiken.

Dieser religiöse Starrsinn aus einer überlebten Zeit führt langsam zur Spaltung der Freiheitsbewegung. Die Anya nya, die im Innern des Landes die ganze Last des Kampfes tragen, distanzieren sich immer mehr von den politischen Führern im Exil und ihren geweihten Geld- und Ratgebern.

Wir hatten geglaubt, daß die sprachlichen und strukturellen Unterschiede der vielen Stämme, die den Südsudan bevölkern, die Einheitsbestrebungen am stärksten behindern würden. An unserem Lagerfeuer aber sitzen heute Abend Vertreter von sieben verschiedenen Stämmen. In völliger Eintracht. Die Freiheitsbewegung ist zu einem Schmelztiegel geworden, in dem Jahrhunderte währende Stammesfehden überwunden worden sind.

Das haben die Schwarzen geschafft. Allein. Sobald sie jedoch von Fremden beraten werden, scheint der Teufel die Hand im Spiel zu haben.

„Am Ende der Schlucht liegt er lachend auf dem Bauch und lebt vom Streit der Menschen“, sagt Casimiro mit verträumter Stimme. „Haß und Streit ist der Teufel. Aber du wirst sehen, daß wir ihn im Busch besiegt haben. Du mußt einem Gottesdienst beiwohnen. Morgen.

Das ist gar nicht so einfach, es gibt nur noch ein paar überlebende Geistliche, die, seit ihre Dörfer und Kirchen zerstört wurden, durch den Busch ziehen und gelegentlich Gottesdienste abhalten. Solch einen müssen wir finden. Claude kommt diesmal nicht mit. Wir fahren mit dem Fahrrad durch den Busch, um schneller vorwärtszukommen. Die Pfade sind nur zwei Fuß breit, das Gras über zwei Meter hoch. Vor mehr radelt ein Partisan mit seiner Maschinenpistole, hinter mir ein Leutnant mit dem schönen Namen Emanuel.

Im ersten Dorf fragen wir, wo ein Prediger zu finden sei.

„Acht Meilen nördlich.“

Dort angekommen, fragen wir wieder. „Acht Meilen westlich“, heißt es jetzt. Und auch dort schickt man uns wieder „acht Meilen weiter“. Immer wieder acht Meilen. Der scheint das Einheitsmaß hier zu sein.
So hasten wir auf Rädern durch den Busch. Nach der sechzehnten Meile hatte man uns selbstgebranntes Maisbier angeboten. Der Partisan, der noch nichts gegessen hatte, kippte gierig zwei Liter herunter und war prompt betrunken.

„Wo sind die Araber?“ will ich wissen.

„Nicht weit“, lallt er, und schon überqueren wir eine ihrer Landstraßen. Hundert Meter rechts steht ein Panzer. Dahinter ein Dutzend Lastwagen mit Soldaten. Sie müssen so verdutzt vom Anblick des radelnden Dreiergespanns sein, daß sie gar nicht ans Schießen denken. Erst als wir im Gras auf der anderen Seite der Straße sind, fliegen ein paar Kugeln hinter uns her.

Überall lauern Feinde

Jetzt wird dies zum Karussell. Wir haben etwa hundert Kilometer zurückgelegt und wissen nicht mehr, wo wir sind. In den Dörfern kann man uns auch nicht sagen, wie wir ins Lager zurückkommen. Die Bewohner sind Flüchtlinge, die diese Gegend ebenso wenig kennen wie wir. Die ewigen „acht Meilen“ haben uns irregeführt. Wir schlafen bei einem Zauberer und erhalten ein Huhn. Das erste seit einer Woche. Um uns zu helfen, spricht er mit seinen Göttern und bestellte Regen für den nächsten Tag. „Dann verschwinden die Araber von der Straße.“

Und der Zirkus geht weiter. So jedenfalls kommt es mir vor, wenn ich plötzlich aus dem Gebüsch heraus in ein Dorf radele, aufgescheuchten Menschen blöde zulächele und wenige Sekunden später wieder wie ein Spuk im Gebüsch verschwinde.

„Achtung rechts!“

Die Warnung kommt zu spät. Ich radele mitten in eine Herde hinein. Was ich für schwarze Ziegen hielt, entpuppt sich als eine Gruppe nackter Mädchen, die Wurzeln sammeln. Sie rennen schreiend auseinander. Ich torkele weiter. Mein Partisan ist verschwunden.

„Halt“, schreit er plötzlich hinter mir. Ich halte. Aus dem Transistor meines jetzt nüchternen Beschützers singt Sinatra sein „ Strangers in the Night“. Was so ein paar Mädchen doch zaubern können. Seit Tagen ging ich das Gerät nicht. Die nackten Damen haben sich mittlerweile beruhigt und wollen mich begrüßen. Ich setze mich hin, und sie stellen sich auf.

Plötzlich sprudeln Fragen: „ Wie heißt du? Wie alt bist du? Bist du überall weiß – am ganzen Körper?“
Ich ziehe mein Hemd aus. Sie kommen zögernd näher und streicheln mich. Wie zart doch die schwarzen Finger sein können.

Zum Glück fällt mir ein, sie zu fragen, ob nicht ein Prediger vorbeigekommen sei. Er ist hier, in ihrem Dorf, und wir wären wohl wieder vorbeigefahren – „acht Meilen weiter“ – Spuk auf Rädern.
Der Gottesdienst ist ergreifend. Da knien Katholiken, Protestanten und Heiden gemeinsam nieder und beten das Vaterunser in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Die Heiden summen nur den Rhythmus. Ihre Gesichter – auf die Hände gestützt, mit denen sie Pfeil und Bogen halten – drücken ebenso tiefe Inbrunst aus wie die der Christen.

Um das Dorf herum haben Männer mit Pfeilen und Speeren Stellung bezogen. Heiden wachen so über den Frieden des Gebets an einen fremden Gott. Wenn ich je einen ökumenischen Geist gesehen habe, dann hier im afrikanischen Busch. Casimiro hatte Recht: Hier ist der Teufel besiegt.
Aber nur hier im Busch. Im Exil haben die Christen es nicht fertiggebracht, eine geschlossene Front gegen die Offensive des Islam in Afrika zu bilden. Ebenso wenig gibt es eine schwarze Solidarität gegen die nach Süden dringenden Araber. Die Anya nya stehen ganz allein da. Sie erhalten keine Unterstützung von den schwarzen Nachbarstaaten. Uganda macht sogar gemeinsame Sache mit den Arabern.

Wir erleben es, als wir wieder zurück wollen, zurück nach Uganda, um von dort nach Hamburg zu fliegen. Jeder von uns hat zehn Kilo abgenommen. Es wird Zeit, daß wir heimkommen. Wir müssen wieder heimlich die Grenze überqueren, genau wie vor sechs Wochen, als wir uns nachts auf verbotenen Pfaden in den Sudan schlichen.

Als wir noch einen Tagesmarsch von der Grenze entfernt sind, treffen wir die ersten Flüchtlinge. Es sind Sudanesen. Vor zwei Jahren waren Zehntausende von ihnen vor dem Terror der Araber geflohen und hatten sich in Uganda angesiedelt. Mit Erlaubnis der dortigen Regierung. Jetzt treibt man sie gewaltsam über die Grenze zurück.

Die Brutalität der Soldaten von Uganda ist berüchtigt. Wir treffen verwundete Flüchtlinge, deren Verwandte vor ihren Augen erschossen wurden. Einfach so, um andere zur kopflosen Flucht zu bewegen.

Wir erfahren auch, daß die Armee von Uganda uns sucht. Sie will uns fangen und wahrscheinlich umbringen, damit die Welt nicht erfährt, wie grausam ein schwarzer Staat mit schwarzen Flüchtlingen umgeht.

Die ugandischen Soldaten meinen es ernst. Sie dringen sogar in den Sudan ein und überfallen ein Dorf, das wir vor kaum einer Stunde verlassen haben.

Jetzt macht man regelrecht Jagd auf uns. Vier Tage lang gelingt es uns, immer acht bis zehn Kilometer schneller zu sein als unsere Verfolger. Wir schlafen nicht mehr in Dörfern, um zu vermeiden, daß man sie am nächsten Tag aus Vergeltung zerstört. Unsere Eskorte ist nicht stark genug, um einen Kampf gegen schwer bewaffnete reguläre Truppen zu führen. Erst als wir wieder tief im Innern des Sudans in einem großen Lager der Anya nya ankommen, atmen wir auf.

Wie weiter? Irgendwo heimlich über die Grenze nach Uganda zu schlüpfen, ist unmöglich.

Wir müssen also einen anderen Weg wählen, um aus dem Südsudan herauszukommen. Der Norden kommt nicht infrage. Dort stehen die Feinde der Anya nya, die Regierungstruppen des Sudan. Was uns passiert, wenn sie uns fangen, brauchen wir uns nicht erst auszumalen. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir versuchen uns südostwärts nach Kenia durchzuschlagen oder wir flüchten uns in den Kongo. Um Kenia zu erreichen, brauchen wir etwa zwei Monate. Im Kongo können wir in fünf bis sechs Tagen sein. Wir haben natürlich keine Einreisevisa für den Kongo. Aber was bleibt uns übrig – für die sechzig Tagesmärsche bis nach Kenia fehlt uns der Mut, wahrscheinlich auch die Kraft.

Das Ende einer Reportage: Verhaftung, Gefängnis, Flucht

Nach fünf Tagen überschreiten wir die Grenze. Wir sind im Kongo. Jetzt brauchen wir uns nur unter den Schutz der kongolesischen Behörden zu stellen, und bald werden wir wieder in Hamburg sein. Um alles ordnungsgemäß zu machen, schicken wir einen Boten nach Aru, der nächsten kongolesischen Stadt. Dort erklärt der Bote unsere Lage – und am Abend geht der Tanz los: Sechzig schwerbewaffnete Soldaten unter Führung eines Leutnants und der Chef des Sicherheitsdienstes umzingeln unsere Hütte, nehmen uns gefangen und führen uns ab. Wir dürfen nicht einmal mehr essen. Unterwegs aber wollen sie alle bewirtet werden. „Ohne Bier wären die Soldaten nicht mitgekommen“, erklärt der Chef des Sicherheitsdienstes. „Aber wir wollen euch doch richtig beschützen.“

In Aru werden wir eingesperrt. Vorher hatte uns der Chef des Sicherheitsdienstes erklärt, wie teuer so eine Gefangenschaft sei, und hundert Dollar eingesteckt. Das war nur der Anfang. Von jetzt an kostet alles viele Dollar. Das Auto, das uns nach Bunia, der Provinzhauptstadt, bringen soll. Das Benzin. Die Verpflegung der Truppen, die uns begleiten. Wir fürchten schon, daß man uns so lange festhalten wird, bis wir den letzten Dollar losgeworden sind. Wer soll sich schon um uns kümmern? Niemand weiß, daß wir hier sind. Unsere Pässe sind beschlagnahmt. An Flucht ist nicht zu denken.

In Bunia müssen die Dollar wieder herhalten. So einen guten Fang scheint man hier schon lange nicht mehr gemacht zu haben. Als wir erfahren, daß die Polizisten und Beamten schon seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen, verstehen wir zwar ihre Geldgier, aber unsere Lage wird dadurch nicht besser.
Wir wandern von einem Gefängnis ins andere. Als wir endlich Kinshasa (Léopoldville) erreichen, lernen wir das schlimmste Gefängnis von allen kennen. Da sitzen wir mit Huren, Zuhältern, Dieben und geschminkten Homosexuellen in einer Zelle ohne Fenster. Eine Ecke dient als Toilette. Ratten wühlen dort. Wir stehen im Urin. Wo sollen wir nur schlafen? Wie jemals gesund hier herauskommen? Unser Verbrechen: Wir haben kein Visum – das ist alles. Und wieder rettet uns das Geld. Wir dürfen im Freien vor der Zelle schlafen.

Durch Zufall hat ein Belgier gesehen, wie man uns abführte. Er alarmiert Freunde. Sie finden uns und lassen ihre Verbindungen spielen. Unter der Bedingung, daß wir das Land innerhalb von vierundzwanzig Stunden verlassen, läßt man uns frei. „Eure Pässe erhaltet ihr am Flugplatz“, heißt es.
Natürlich sind sie nicht da. Und dort draußen auf dem Rollfeld steht die Maschine, die uns aus dieser Hölle heraus nach Paris fliegen kann.

„Wenn ihr jetzt nicht herauskommt, schleppt man euch noch ein paar Wochen durch die Gefängnisse“, sagt unser Freund, der schon zwölf Jahre im Kongo lebt. Er weiß, wovon er spricht.

Was tun? – Wir zählen unsere letzten Dollar. Wir tun es so offensichtlich, daß einigen schwarzen Herren das Wasser im Munde zusammenläuft. Vielleicht warten sie schon einige Monate auf ihr Gehalt. Wir lassen das Geld auf dem Tisch liegen und gehen einfach durch die Sperre auf die Düsenmaschine zu. Die zweihundert Meter bis zur Freiheit erscheinen uns länger als der aufreibende Marsch durch den Busch. Wir schwitzen vor Angst – aber niemand hält uns zurück.

Sieben Stunden später sind wir in Paris. Ohne Geld, ohne Gepäck, ohne Pässe, nur mit den Sachen bekleidet, mit denen wir durch den Busch marschiert sind. Dreckig, zerrissen, verlaust. Trotzdem sind wir glücklich, wie nur selten, denn wir leben, wir sind frei.

Jedoch bleibt die Verzweiflung über das, was wir gesehen haben: Ein ganzes Volk wird ermordet, ohne daß jene Völker, die sich christlich oder zivilisiert nennen, protestieren. Wir haben die Gefahren auf uns genommen, um die Verschwörung des Schweigens zu brechen, die sich um diese afrikanische Tragödie gesponnen hat.

*Anmerkung: Der Begriff Neger/Negerin wird aus dem Originaltext beibehalten. Diese Bezeichnung war damals ohne Abwertung als Fremd- und Selbstzuschreibung geläufig.

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