Stern, Heft 17, 23. April 1967
Gordian Troeller und Claude Deffarge gelang es als ersten Reportern zu den Freiheitskämpfern im sudanesischen Busch vorzudringen. Sie begleiteten sie auf der ständigen Flucht vor den arabischen Regierungstruppen, die hier einen grausamen Vernichtungskrieg führen, von dem die Welt nichts weiß. Über eine halbe Million Neger * sind diesem Massaker bereits zum Opfer gefallen.
Wie werden die sieben Neger* sich verhalten, wenn eine weiße Frau sich auszieht? Nachts. Im Busch. Männer, die wir erst seit wenigen Stunden kennen, Schwarze, die vorher noch keine Weißen gesehen haben. Diese Frage bewegt mich im Augenblick mehr als die Gefahr, in der wir schweben. Wir befinden uns an der verbotenen Grenze, die Uganda vom Sudan trennt: an einem der vielen Nebenflüsse des Nils, den die Regenzeit in einen reißenden Strom verwandelt hat.
„Könnt ihr schwimmen?“ fragt der Anführer unserer Eskorte.
Wir können. – Sollen wir uns nun ausziehen? – Wir müssen uns ausziehen. Die Nächte sind kalt. Wenn wir angezogen in den Sudan hinüberschwimmen und dann mit nassen Kleidern weitermarschieren, dürfte es mit dem Rest der Reise aus sein.Außerdem müssen wir uns beeilen. Der Morgen graut, bald werden Menschen wach, die uns hier nicht sehen dürfen. Die Soldaten haben Befehl, auf alle zu schießen, die sich dieser Grenze nähern.
Während Claude Deffarge sich auszieht, drehen unsere Begleiter sich diskret um. Erst als sie hören, daß wir im Wasser sind, packen Sie unsere Sachen in Gummisäcke, ziehen sich selbst aus und folgen uns.
Es geht nicht ohne Zwischenfälle. Filme schwimmen davon. Claude verfängt sich im Geäst eines toten Baumes, in den die Strömung sie geschwemmt hat, und wir müssen sie zu dritt befreien.

Als wir nach zehn Minuten alle heil am anderen Ufer sind, ist die Nacktheit kein Problem mehr. Sie ist einfach vergessen.
Eine Frage hatte mich im Fluß fast gelähmt, aber jetzt erst wage ich sie auszusprechen: „Gibt es hier Krokodile?“
„Natürlich“, sagte der Anführer. „Aber die schlafen nachts genau wie die Soldaten, die diese Grenze bewachen.“
Wir lachen. Sieben nackte Neger* und zwei Weiße krümmen sich vor Lachen, weil dieser kleine Scherz die Spannung der wahren Angst und der falschen Scham gelöst hat. Für einen Augenblick sind Krieg und Massaker fast vergessen – obwohl wir nur ihretwegen das Wagnis auf uns genommen haben, auf Schleichwegen in den verbotenen Sudan zu gelangen.
Es gibt keinen anderen Weg. Wenn man in Khartoum, der Hauptstadt des Sudans, um die Erlaubnis bittet, den Süden des Landes zu besuchen, wird man höflich, aber bestimmt abgewiesen. Im Süden tobt nämlich ein Krieg, den die Welt vergessen hat – und der vergessen bleiben soll. Über fünfhunderttausend Menschen sind bisher umgebracht worden, mindestens ebenso viele wurden aus ihren Dörfern vertrieben.
Die ersten Flüchtlinge treffen wir nach drei Stunden Marsch. Tief im Busch versteckt, haben sie ihre Hütten gebaut. Als sie uns sehen, laufen die Frauen und Kinder laut schreiend davon. Die Männer greifen nach ihren Speeren und Pfeilen. Weil wir hellhäutig sind, hält man uns für Araber, für Feinde. Ein Speer bohrt sich neben Claude in den Boden. Wir müssen in Deckung gehen, bis unsere Begleiter erklärt haben, wer wir sind. Die Frauen kommen nur zögernd zurück. Sie zittern immer noch.
Erst vor zwei Monaten haben die arabischen Regierungstruppen ihr Heimatdorf zerstört und alle, die nicht schnell genug laufen konnten, umgebracht.

Man bietet uns Erdnüsse an. Sonst gibt es hier nichts zu essen. Zwei Männer werden in den Wald geschickt, um in den Fallen nachzusuchen, ob vielleicht ein Buschbock oder ein Wildschwein hineingefallen ist. Nach zwei Stunden kommen sie jubelnd mit einer riesigen Boa zurück, die sie unterwegs getötet haben. Jeder von uns bekommt zwanzig Zentimeter Schlangenfleisch. Für uns beide wird das Schwanzende gebraten. Es soll der beste Teil sein. Jedenfalls schmeckt es vorzüglich, denn wir haben schon dreißig Stunden nichts mehr gegessen.
Während unseres vierwöchigen Marsches durch den Sudan haben wir noch oft an diese Mahlzeit gedacht. Sie war die beste unserer ganzen Reise. Je weiter wir ins Innere vordringen, desto karger wird die Speisekarte.
Fast jeden Tag ändert sich unsere Eskorte. Heute ist einer dabei, der besonders stolz aussieht. An seinem Gürtel hängen vier Handgranaten. Jeder seiner Kameraden weiß, daß er schon sieben Araber im Nahkampf getötet hat. Er heißt Bismarck und will endlich wissen warum.
„Du mußt es mir sagen“, fordert er. „Du bist die Geschichte, die Politik und die Geografie.“
Das sind wir schon seit Beginn der Reise. Jeden Abend, wenn wir am Lagerfeuer sitzen, scharen sich Rebellen und Bauern um uns und überschütten uns mit Fragen. Seitdem sie uns „Geschichte, Politik und Geografie“ getauft haben, glauben sie, uns benutzen zu können wie ein Wörterbuch – selbst wenn wir vierzig Kilometer marschiert sind und todmüde von unseren weichen Betten in Hamburg träumen.
Aber das ist noch erträglich. Meist sind wir dann in Sicherheit, tief im Dschungel und vor Überraschungsangriffen gedeckt durch schwer bewaffnete Wachen.
Jetzt jedoch scheint mir der Zeitpunkt schlecht gewählt, Lexikon zu spielen. Ganz in der Nähe patrouillieren Panzer der Regierungstruppen. Flüchtlinge haben uns erzählt, daß man auf uns Jagd macht. Die arabische Regierung in Khartoum liebt es nicht, wenn Journalisten sich in den Süden des Landes einschleichen, um der Welt berichten zu können, wie grausam hier gekämpft und getötet wird.

Dieser Krieg wird vergessen bleiben, solange es keine ausländischen Zeugen gibt. Deshalb will man uns fangen, uns umbringen. „Man wird euer Leben nicht schonen“, wußten Flüchtlinge zu berichten. „Und den Rebellen euren Tod in die Schuhe schieben, um sie als grausame Banditen hinzustellen.“
Bismarck läßt nicht locker. Als ich ihm erkläre, daß er den Namen eines deutschen Staatsmannes trägt und daß der Pfarrer ihm diesen Namen wahrscheinlich nur gegeben hat, um die damaligen Kolonialherren, die Engländer, zu ärgern, ist er immer noch nicht zufrieden.
„War Bismarck auch ein Heiliger?“
„Nein. Aber er war aus Eisen.“
So etwas, hoffe ich, hört ein Krieger gern. Irrtum, mein schwarzer Bismarck möchte lieber den Namen eines Heiligen tragen, genau wie seine katholisch getauften Freunde.
„Um mich in einem weißen Gesicht zu spiegeln.“
In der Ferne dröhnen die Motoren der arabischen Panzer. Hin und wieder fällt ein Schuß. Trotzdem setzen sich auch noch andere Rebellen zu uns. Es ist ein wilder Haufen. Einige haben Uniformen, andere laufen in Lumpen herum. Insgesamt vierzehn Mann. Beschützer und Träger zugleich. Zwei Maschinenpistolen, sieben Gewehre, drei Speere. Der Chef mit dem klangvollen Namen Casimiro ist ein Leutnant der Partisanenarmee. Er ist für unsere Sicherheit verantwortlich. Diese Aufgabe nimmt er so ernst, daß er jedes Mal, wenn Gefahr droht, ganz nah an uns herangerückt, als wolle er uns mit seinem Körper vor den feindlichen Kugeln schützen.
„Die Araber nennen uns immer noch abid – Sklaven“, sagt er. „Sie behaupten, wir seien Untermenschen, die sie zivilisierten müßten.“
„Mir haben sie in der Schule beigebracht, daß sie zu einer höheren Rasse gehören als wir und deshalb Gott näher sind“, erklärt Bismarck. „Kann das stimmen?“
„Jedenfalls seid ihr die ersten Weißen, die das Essen mit uns teilen und in unseren Hütten schlafen“, meint Casimiro. „Das gibt uns Vertrauen.“
„Sag, doch was“, bittet, Bismarck. „Sind alle Menschen gleich, oder gehören wir Schwarzen zu einer minderwertigen Rasse?“
Jedes Mal wenn „diskutiert“ wird, vergessen sie die Gefahr. Sie wollen erfahren, lernen, wissen. Letztlich geht es ihnen immer um die gleiche Frage, die auch jetzt nicht ausbleibt: „Sind wir eigentlich richtige Menschen?“
Während unseres ganzen Marsches durch den sudanesischen Busch verfolgt sie uns wie der Klageschrei eines verwundeten Tieres. Sie taucht an jedem Lagerfeuer auf, in jedem Dorf, überall wo wir halt machen. Jedes Mal, wenn wir neue Gesichter sehen, wollen sie wissen, warum sie schwarz sind, warum sie verachtet und gejagt werden wie Freiwild.
Das ist nicht verwunderlich. Die Neger* im Sudan sind von all jenen, die zu ihnen kamen, kaum als Menschen behandelt worden. Zunächst kamen die Ägypter, die Araber. Sie fingen die Schwarzen wie Vieh und schleppten sie als Sklaven in den Norden. Die Frauen zum Vergnügen, die Männer zur Arbeit. Stämme, die einst Hunderttausende zählten, schrumpften innerhalb eines Jahrhunderts auf ein Zehntel zusammen. Ein Land, das von den ersten Reisenden als ein blühender Garten beschrieben worden war, verwandelte sich durch Krieg und organisierten Menschenraub in eines der verlassensten Gebiete Afrikas.
Später kamen die Engländer und verschmolzen den von Arabern bewohnten Norden mit dem von Schwarzen bewohnten Süden zu einem Staat. Dieser Zusammenschluß von zwei rassisch und kulturell völlig verschiedenen Völkern wurde auch beibehalten, als der Sudan am 1. Januar 1956 unabhängig wurde.
Die Stämme des Südens protestierten. Sie fürchteten, den Arabern abermals schutzlos ausgeliefert zu sein und forderten deshalb eine autonome Verwaltung innerhalb eines föderalistischen Staatenbundes. Auch in London wurden Stimmen laut gegen eine Verbindung, die angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit und des höheren Bildungsgrades der Araber nur zu einer neuen Kolonialisierung des Südens durch den Norden führen konnte. Aber der Suezkanal und die englischen Ölkonzessionen im Vorderen Orient waren zwingende Trümpfe in der Hand der Araber, um London für die These eines zentral regierten Sudans zu gewinnen.


Die neuen Herren des Landes, die so lautstark den Abzug der englischen Imperialisten gefordert haben, entpuppten sich nun ihrerseits als weit rücksichtslosere Imperialisten. Sie bemächtigten sich der Verwaltung und der Wirtschaft, des Heeres und der Polizei. Die Neger* haben nichts mehr zu melden, obwohl sie über ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. In Khartoum wird zwar noch verhandelt. Schwarze Abgeordnete sitzen im Parlament. Aber im Busch wird hart durchgegriffen. Neben der Gewalt erscheint den Arabern ihre Religion, der Islam, als das beste Mittel für eine brutale Gleichschaltung. Christen werden verfolgt, Heiden zu Mohammedanern gemacht, Moscheen erbaut, Schulen geschlossen. Je ungebildeter die Schwarzen bleiben, umso eher kuschen sie, heißt es. Englisch, das bisher als Lingua Franca (Verkehrssprache zwischen einheimischer Bevölkerung und Europäern) diente, wird durch Arabisch abgelöst.
Die Reaktion der schwarzen Bevölkerung bleibt nicht aus. Das Christentum hat sie gelehrt, daß alle Menschen gleich seien, gleich vor Gott und den Menschen. Aber wiederum behandelt man sie wie niedere Wesen, und sie versuchen, sich zu wehren. Im Busch formieren sich kleine Widerstandsgruppen, die den Arabern zu schaffen machen, wenn sie Land enteignen wollen oder Dörfer überfallen.
Dieser Widerstand wird von Christen geführt. Missionare, die um die Glaubensfreiheit bangen und eine gewaltsame Islamisierung des Südens fürchten, unterstützen sie. Daraufhin schließen die Araber alle Missionen und Seminare und verweisen die ausländischen Missionare des Landes. Kirchen werden zerstört, christliche Dörfer Erdboden gleichgemacht.
Aber damit nicht genug. In einer einzigen Nacht im Juni 1965 wurden in Juba, der Hauptstadt des Südens, 1400 Neger* getötet. Von Soldaten der Regierung. In Khartoum weiß man, daß der Widerstand im Süden des Landes ohne intellektuelle Führer zusammenbrechen muß, und macht systematisch Jagd auf alle, die lesen und schreiben können.

Damit ist der Bruch zwischen Arabern und Negern*, zwischen Norden und Süden endgültig. Hunderttausend Schwarze fliehen vor dem Terror in die Nachbarstaaten. Dörfer, in denen die Regierung Widerstandskämpfer vermutet, werden in Brand gesteckt, die Einwohner erschossen. Fünfhunderttausend Menschen sind – nach Schätzungen der Vereinten Nationen – auf diese Weise umgebracht worden, mehr als ein Zehntel der Bevölkerung des Südens. Nicht vor hundert Jahren. Heute.
Trotzdem gibt es keine internationalen Proteste. Dieser organisierte Völkermord interessiert nur ein paar Moralisten. Die Politiker bleiben stumm, weil weder westliche noch östliche Interessen auf dem Spiel stehen. Im Sudan gibt es keine ideologische Auseinandersetzung, keinen kalten Krieg, keine Kommunisten, nicht einmal Chinesen. Dort werden ja nur Neger* umgebracht. Und im Übrigen liegt der Sudan weit weg. Es ist gefährlich, an Ort und Stelle zu untersuchen, was wirklich passiert. Mit der Anprangerung eines Völkermordes, der außerhalb der großen internationalen Spannungsfelder begangen wird, können sich weder Diplomaten noch Journalisten Sporen verdienen – und wenn Bismarck nicht gepfiffen hätte, wären auch wir wohl nicht zurückgekehrt.
Während wir noch über die Gleichheit der Menschen diskutieren, pfeift er plötzlich leise durch die Zähne. Er hat als Einziger das Warnsignal gehört und gibt es weiter. Die Partisanen schwärmen aus. Nach fünf Minuten hören wir einige Schüsse. Eine arabische Patrouille, die sich an uns heranschleichen wollte, zieht sich zurück in den Schutz ihrer Panzer, die auf der Landstraße warten.
Zum Glück haben wir bei unserem heimlichen Besuch in Südsudan das Ende der Regenzeit erwischt. Wenn es monatelang gegossen hat, ist das Gras über zwei Meter hoch. Wir haben oft geflucht, wenn wir uns da hindurchkämpfen mußten und die scharfen Blätter Gesicht und Hände blutig rissen. Aber jetzt sind wir froh, denn nur selten wagen Regierungstruppen sich in das undurchsichtige Gewirr fingerdicker Gräser, in denen Heckenschützen perfekte Deckung haben und Fallen qualvollen Tod bedeuten.
Die Natur hat uns zunächst wieder einmal gerettet. Aber wir können nicht weiter. Unsere Reiseroute sollte über die Straße führen, die jetzt von feindlichen Panzern und Truppen abgeriegelt ist. Wir müssen zurück. Das nächste Dorf ist zehn Kilometer entfernt. Sechs Hütten. Ein paar Felder. Männer in Lumpen. Frauen, die ihre Scham mit Blättern verdecken. Zur Begrüßung knien sie nieder.
Man hat sie gelehrt, vor einer anderen Hautfarbe Demut zu zeigen. Fremde sind wie Naturgewalten, denen man sich beugen muß, ob sie Gutes bringen oder Böses. Sie vertreten höhere Mächte. „Euch muß Gott geschickt haben“, sagt der Dorfälteste. „Bitte rettet meine Tochter.“
Sie liegt auf einer Strohmatte und windet sich vor Schmerzen. Der Leib ist geschwollen. An jeder Seite des Mädchens hockt eine alte Frau. Sie halten ihre Hände und summen leise vor sich hin. Das ist hier das einzige Mittel, um Schmerzen zu stillen.
Was sollen wir tun? Wahrscheinlich handelt es sich um eine Blinddarmentzündung. Wenn wir auf Reisen in entfernten Gebieten sind, wo es keinen Arzt gibt, keine Hilfe, kein Zurück – dann fürchten auch wir diese sonst harmlose Krankheit mehr als Malaria, Schlangenbissen oder Kugeln. Ich habe selbst mit Fieber und Leibschmerzen zwei Tage lang in einer Hütte gelegen, und wir befürchteten schon das Schlimmste. Jetzt sehen wir, was geschehen wäre, wenn ich wirklich eine Blinddarmentzündung gehabt hätte. Noch am selben Tag stirbt das Mädchen. Wir können nur die Schmerzen lindern und ihr das Sterben erleichtern.
Es gibt wohl kaum eine Gegend der Welt, die so nötigt der Hilfe bedarf wie der südliche Sudan. Seit Krieg und Terror hier toben, gibt es kein Medikament mehr, keinen Verbandsstoff, keinen Arzt oder Krankenpfleger, weder Kleidung noch Seife, weder Milch noch Zucker. Selbst Salz ist selten. Man muß Asche essen, um den Salzbedarf teilweise zu decken.

Während der Trauerfeier für das Mädchen wird nur ganz leise gesungen. Tamtam, Tanz und Musik sind seit Beginn des Krieges verbannt. Die Araber sollen nicht hören, wo man sich im Busch vor ihnen versteckt. Die Trommeln sind vergraben. Selbst die Masken und Fetische sind verschwunden. Sie verbrannten mit den Hütten. Wir wollen es zunächst nicht glauben: Alle Dörfer, in denen wir übernachten und die westlichen Augen wie idyllische Bauernsiedlungen anmuten, sind nur provisorische Unterkünfte gehetzter Menschen.

„Seit Generationen wohnten wir am Rande der Straße, die von Juba nach Yei führt“, sagt der Chef des Dorfes, in dem wir heute halt machen. „Eines Morgens hörten wir das Geräusch vieler Motoren. Eine Militärkolonne näherte sich. Die jungen Leute und die meisten Frauen rannten sofort in den Busch. Als die Lastwagen abgefahren waren, schlichen wir ins Dorf zurück. Die Araber hatten es niedergebrannt, und wir zählten vierzehn Leichen. Auch eine junge schwangere Frau war darunter.“
„Und wann seid ihr hier hergekommen?“ will ich wissen.
„Vor drei Monaten. In den letzten zwei Jahren mußten wir viermal fliehen und uns jedes Mal tiefer Busch verstecken. Bald müssen wir auch von hier wieder fort. Wenn die Regenzeit zu Ende ist, stecken die Araber das trockene Gras an. Dann haben sie bessere Sicht und weniger Angst, die Straße zu verlassen.“
Aber auch jetzt fürchten sich diese Menschen vor einem nächtlichen Überraschungsangriff. Nachdem sie uns das Essen zubereitet haben (Maniok mit Erdnüssen und Pfeffersauce), verschwinden sie ihren Dschungel, wo sie die Nacht verbringen werden. Selbst unsere Anwesenheit kann sie nicht dazu bewegen, einmal in ihren Hütten zu schlafen.
Wir fühlen uns auch nicht wohl in unserer Haut. Dieses verlassene Dorf, in dem nur zwei magere Hunde herumschleichen, wirkt gespenstisch. Wir haben zwar ein Feuer, das wenigstens die Illusion der Geborgenheit ausstrahlt, trotzdem wären auch wir lieber mit den anderen im Dschungel, anstatt hier unser westliches „Gesicht zu wahren“. Es muß sein – sonst würden unsere Begleiter, die außerhalb des Dorfes Wache halten, jeden Respekt verlieren.
Im übrigen haben wir ja all dies gewollt: die Gefahr, das karge Essen, den Mangel an Salz und Zucker, die Strapazen der täglichen dreißig Kilometer, die reißenden Flüsse, die wir durchqueren müssen, und die giftigen Spinnen, die wir morgens aus den Schuhen schütteln. Wenn wir ein wenig Glück haben, liegen wir bald wieder mit vollem Magen in warmen Betten und denken mit etwas Wehmut an diese aufregende Zeit im afrikanischen Busch. Für diese Menschen hier wird es jedoch nie ein Ende geben.
Es gibt keinen Pardon. Die Truppen der arabischen Regierung in Khartoum unterscheiden nicht zwischen ihren kämpfenden Feinden, den Partisanen, und der Zivilbevölkerung. Es ist ein Kampf gegen ein ganzes Volk. Nur junge Mädchen können hoffen, am Leben zu bleiben, wenn ihr Dorf niedergebrannt wird. Sie werden mitgeschleppt.
Feuer und Schwert sind nicht die einzigen Mittel der Vernichtung. Ebenso wirksam, wenn auch weniger Aufsehen erregend, ist die unablässige Vertreibung der schwarzen Bevölkerung von einem Versteck ins andere. Sie sind Bauern, und sie brauchen Felder, um zu leben. Wenn sie aus ihrem Heimatdorf vertrieben werden und an einem anderen Ort gerade gerodet, gepflügt und gesät haben, dann bleibt ihnen meistens nicht die Zeit zum Ernten. Sie müssen wieder fliehen und abermals versuchen, den neuen Boden urbar zu machen, bis eine weitere Strafexpedition sie davongejagt.

So werden sie mehr und mehr in die Steinzeit zurückgetrieben. Sie müssen neu erfinden, wie ihre Vorfahren im Busch überlebten. Anstatt zur Schule zu gehen, machen Kinder sich mit essbaren Wurzeln vertraut und mit dem Legen von Fallen. Bald haben die Frauen ihre letzten Kleider aufgetragen und müssen wieder nackt gehen.
Die Beweggründe dieser Politik der Ausrottung sind Machthunger und der Wahn rassischer Überlegenheit. Früher holten die Araber ihre Sklaven aus dem Süden, heute streben sie nach größerem Lebensraum. Dabei ist keineswegs der Sudan allein im Spiel. Es geht um weit mehr: um den Führungsanspruch des arabischen Nordafrikas über den Schwarzen Kontinent. Nicht umsonst unterstützen ägyptische und algerische Offiziere die Truppen von Khartoum im Kampf um den Süden.
Im Sudan versuchen die Araber, die Grenzen ihres Einflusses mit Waffengewalt zu erweitern. Im übrigen Afrika vergrößert sie ihren Einfluß durch die systematische Islamisierung der schwarzen Bevölkerung.
Was heute zum Beispiel in Nigeria geschieht, ist nur in diesem Zusammenhang zu verstehen. Auch dort streben die mohammedanischen Haussas nach Herrschaft über die in ihrer Mehrzahl heidnisch gebliebenen Yorubas und Ibos. Die Front des zur politischen Waffe gewordenen Islams zieht sich quer durch Afrika. Im Sudan spricht man heute schon oft vom „Heiligen Krieg“ und der zivilisatorischen Mission des Islams. Nicht zufällig wurden dort vor allem Christen verfolgt, Missionare vertrieben und von Priestern erzogene Neger* getötet. Man schaltet die „Konkurrenz“ aus.
Diese Offensive des Islams mag die großen Auseinandersetzungen der nächsten Jahrzehnte in Afrika bestimmen. Die einzige Gruppe, die sich ihr heute schon mit Waffen widersetzt, sind die Rebellen der südsudanesischen Freiheitsbewegung. Über diese Männer und unser Leben mit ihnen berichten wir im nächsten STERN.